Gründe für Meinungsverschiedenheiten in der Religion

grundlagen islam 14.11.2022
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In einigen Punkten der Religion existieren Meinungsverschiedenheiten unter den Gelehrten, manche islamischen Urteile sind umstritten. Es erscheint gerade neuen Muslimen unter Umständen nicht logisch, warum es in einer Religion unterschiedliche Ansichten gibt. Daher erläutert der vorliegende Artikel, wie diese Meinungsverschiedenheiten entstehen und warum sie mit einer Beweisgrundlage auch legitim sind. Dabei führt er drei hauptsächliche Gründe an, die dazu führen, dass ein Gelehrter ein anderes Urteil fällt als die anderen.

Allahs Urteil als Grundlage jeder Meinung

Wer daran glaubt, dass der Islam die wahre Religion ist, wundert sich wahrscheinlich darüber, warum gewisse Punkte dann nicht eindeutiger sind. Die Aspekte, in denen die Gelehrten auf verschiedene Urteile kamen, sind zahlreich. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass ein Gelehrter sein Urteil auf der Grundlage seiner eigenen Meinung fällen darf. Das würde bedeuten, dass er wissentlich alle diejenigen, die ihm folgen, fehlleiten würde. Die Gelehrten sind sich jedoch ausnahmslos einig, dass es einem Muslim nicht erlaubt ist, absichtlich ein islamisches Urteil zu verbreiten, das nicht dem Urteil Allahs entspricht, denn Allah sagt im Koran:

„Weder für einen gläubigen Mann noch für eine gläubige Frau gibt es, wenn Allah und Sein Gesandter eine Angelegenheit entschieden haben, die Möglichkeit, in ihrer Angelegenheit zu wählen. Und wer sich Allah und Seinem Gesandten widersetzt, der befindet sich ja in deutlichem Irrtum.“ [Koran 33:36]

Das Wort „Muslim“ beinhaltet bereits, dass es sich um einen Menschen handelt, der sich dem Gesetz Allahs gebeugt hat. Als Erschaffer der Menschen weiß Allah, der Erhabene, wie kein anderer, welche Gesetze und Lebensformen für die Menschen am besten sind. Selbst der Prophet, Friede sei mit ihm, brachte den Menschen die Religion nur so näher, wie er sie selbst von Allah übermittelt bekam. Seine eigene Meinung ließ er dabei nicht einfließen, sie ist neben der Meinung Allahs unbedeutend. Die Gelehrten erläutern den restlichen Muslimen die Aussagen des Propheten, Friede sei mit ihm, und die Verse des Korans. Dies ist notwendig, da die meisten kein tiefgründiges Wissen über die Offenbarungsquellen und ihre Hintergründe besitzen. Ein Grund dafür ist etwa, dass sie die arabische Sprache nicht gut genug beherrschen oder nicht wissen, wo sie die nötigen Informationen finden können. Durch diese Rolle betrachten die Muslime die Gelehrten als wichtige Vorbilder. Der Prophet, Friede sei mit ihm, bezeichnete die Wissenden in der Religion sogar als die Erben der Propheten. Damit ist gemeint, dass sie von den Propheten das Wissen erben, was sie anderen weitergeben [Abu Dawud, at-Tirmidhi, Ibn Majah, Ibn Hibban]. Diese Überlieferung impliziert bereits, dass sie sich bei ihren Urteilen immer auf Beweise aus den Offenbarungsquellen beziehen. Der Grund dafür, dass es dennoch Meinungsverschiedenheiten unter ihnen gibt, ist ihre Menschlichkeit. Ein jeder Mensch ist fehlerhaft und besitzt Schwächen, frei davon ist nur Allah. Er, der Erhabene, weiß, dass die Menschen nie fehlerfrei sein können und vergibt dies:

„Es ist für euch keine Sünde in dem, was ihr an Fehlern begeht, sondern was euere Herzen vorsätzlich anstreben.“ [Koran 33:5]

Es zählt also für Allah nur die Absicht hinter einer Tat. Die Gelehrten versuchen mit all ihrem Wissen und ihrer Anstrengung, Urteile zu treffen, die auf Allahs Urteil basieren. Die Grundlage ist jedoch, dass keine Aussage eines Gelehrten für absolut richtig gelten kann, weil die Möglichkeit besteht, dass er sich irrt. Dies gilt allgemein für jeden Menschen. Woher solche Irrtümer rühren und warum es schwer sein kann, die richtige Meinung auszumachen, wird im Folgenden erläutert.

Zweifel oder Unwissenheit über einen Hadith

Einer der Gründe, weshalb es zu Meinungsverschiedenheiten kommt, sind Zweifel oder Unwissenheit über die Richtigkeit einer Überlieferung. Dies passiert bei Urteilen bezüglich eines Hadith, einer überlieferten Aussage des Propheten, Friede sei mit ihm. Die Gelehrten studieren die Hadithe und können oft eine große Zahl davon auswendig. Dennoch kann es sein, dass sie eine bestimmte Überlieferung nicht kennen, denn ihre Zahl ist gewaltig. Auch vergessen sie manchmal einen Hadith, was menschlich ist. Dann können sie zu einem Urteil kommen, das der ihnen unbekannten Äußerung des Propheten widerspricht.

Ein anderer Grund wäre, dass ein Gelehrter nicht daran glaubt, dass der Prophet, Friede sei mit ihm, einen bestimmten Satz tatsächlich gesagt hat. Die Wissenschaft, die die Hadithe verifiziert, ist komplex und beruht unter anderem auf der Glaubwürdigkeit der einzelnen Überlieferer. Da die Menschen die Hadithe oftmals erst spät niederschrieben und diese solange mündlich weitergaben, wird immer auch die Überlieferungskette genannt. Darin befindet sich derjenige, der die Aussage vom Propheten hörte, dann derjenige, dem er sie weitererzählte, bis zu demjenigen, der sie schließlich niederschrieb. Die einzelnen Personen in der Überlieferungskette müssen von den Gelehrten als vertrauenswürdig angesehen werden. Befindet sich unter ihnen eine Person, die für ihre Vergesslichkeit oder Lügen bekannt war, oder über die man gar nichts weiß, dann wird der Hadith als schwach eingestuft. Dies ist verständlich, da die Angelegenheiten der Religion eine ernste Sache sind und man Inhalte nicht einfach von unglaubwürdigen Personen übernehmen kann. Verschiedene Gelehrte können jedoch zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, was die Glaubwürdigkeit eines Überlieferers angeht. So kann ein Gelehrter ein Hadith verifizieren und seinen Inhalt als wahr ansehen, während ein anderer eben diese Überlieferung ablehnt und nicht in seine Urteile mit einbezieht.

Unterschiedliche Deutungen der Quellen

Auch bei der Deutung der Aussagen des Propheten, Friede sei mit ihm, oder eines Koranverses können die Gelehrten zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Dies ist etwa dann der Fall, wenn in der Quelle ein Wort mit mehreren Bedeutungen verwendet wird. Ein Beispiel dafür wäre der Koranvers:

„Oh die ihr glaubt, nähert euch nicht dem Gebet […] im Zustand der Unreinheit- es sei denn, ihr geht bloß vorbei-, bis ihr den ganzen Körper gewaschen habt. Und wenn ihr krank seid oder auf einer Reise oder jemand vom Abort kommt oder ihr Frauen berührt habt und dann kein Wasser findet […]“ [Koran 4:43]

Der hier genannte Koranvers bezieht sich darauf, dass es in bestimmten Situationen erlaubt ist, die Gebetswaschung mit Erde zu vollziehen. Dies ist etwa der Fall, wenn man krank oder auf einer Reise ist oder man kein Wasser finden kann, während man im Zustand der Unreinheit ist. Es ist klar, dass die Gebetswaschung fällig wird, nachdem jemand auf der Toilette war. Das andere, was hier genannt wird, was die Gebetswaschung annulliert, ist das "Berühren von Frauen“. Die Gelehrten kamen zu unterschiedlichen Urteilen, was dies betrifft. Einige nahmen den Ausdruck wörtlich und sagten, das bloße Berühren des anderen Geschlechts annulliert die Gebetswaschung, selbst, wenn dies ohne sexuellen Hintergedanken geschieht. Andere wiederum setzten einen sexuellen Hintergedanken beim Berühren des anderen Geschlechts dafür voraus, dass es die Gebetswaschung annulliert. Und wieder andere sagten, dass dies nur in Bezug auf den Geschlechtsverkehr zu sehen ist. Jede der Meinungen basiert auf einer unterschiedlichen Interpretation eines einzigen Wortes.

Abrogierte Urteile

Im Islam wurden während der Zeit des Propheten, Friede sei mit ihm, einige Urteile durch andere ersetzt, also abrogiert. Ein Beispiel dafür ist, dass es den Muslimen zunächst untersagt war, Friedhöfe zu besuchen. Dahinter befand sich die Weisheit, dass die Muslime aus ihrer vorislamischen Zeit oft gewohnt waren, sich den Toten zu nähern oder sie sogar anzubeten. Diese Praxis ist jedoch mit dem Islam nicht vereinbar und streng verboten, wie aus mehreren Hadithen, etwa von Bukhari und Muslim, hervorgeht. Als die Menschen den Eingottglauben, den Tauhid, jedoch verinnerlicht hatten, wurden auch Besuche auf den Friedhöfen wieder erlaubt. So sagte der Prophet, Friede sei mit ihm: „Ich hatte euch verboten, die Friedhöfe zu besuchen, doch nun könnt ihr sie besuchen. Es wird euch an das Jenseits erinnern“ [Muslim]. Die Erinnerung an das Jenseits wiederum ist für die Muslime eine Motivation, mehr gute Taten zu verrichten, solange sie am Leben sind.

Nun kann es sein, dass ein Gelehrter glaubt, dass ein Urteil ein anderes ersetzt hat, während ein anderer glaubt, dass es gleichgeblieben ist. Folglich verbreiten beide eine unterschiedliche Meinung, was wiederum zu Meinungsverschiedenheiten in der Thematik führt.

Fazit

Das islamische Wissen beinhaltet eine gewaltige Fülle an Versen und Aussagen des Propheten, Friede sei mit ihm. Keiner der Gelehrten beabsichtigt es, eine Meinung zu verbreiten, die der Meinung Allahs widerspricht. Daher sind die Wissenden in der Religion sehr bescheiden und beanspruchen niemals die Wahrheit für sich. Vielmehr rufen sie die Muslime dazu auf, sich an das Urteil mit dem besten Beweis zu halten, selbst, wenn es nicht ihr eigenes sein sollte. Für den Laien ist es jedoch nicht möglich, die richtige von der falschen Meinung zu unterscheiden. Es fehlt ihm an Fachwissen und er könnte bei islamischen Urteilen dazu tendieren, seine eigene Meinung einfließen zu lassen. Daher sollte er einem vertrauenswürdigen Gelehrten folgen, der seine Urteile auf Koran und Sunna begründet.

 

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