Der Zweck der islamischen Familie

familie im islam 20.11.2022
muslimfamily

Das Heiraten und das Führen einer islamischen Ehe sind Punkte, die fast jeden Muslim früher oder später betreffen. Aus diesem Grund gehören auch Vorträge oder Seminare zu diesen Themen zu den meistbesuchten Veranstaltungen in Moscheen. Der Sinn einer Ehe im Islam sollte jeder Muslim, egal ob Mann oder Frau, kennen, bevor er heiratet. Daher stellt dieser Artikel eine Einführung in den Zweck der islamischen Familie und speziell des Ehelebens dar. Er zählt die Gründe auf, warum man eine Ehe eingehen sollte, und klärt auch aus islamischer Sicht über interreligiöse Ehen auf.

Die Familie als Institution

Jede Gesellschaft setzt sich aus kleineren Gemeinschaften von Individuen zusammen. Die Familie ist dabei die kleinste Art von organisatorischer Gemeinschaft, doch gleichzeitig die zentralste, die den Menschen wie keine andere Institution prägt. Im Islam gründet sich die Familie durch die Eheschließung zwischen Mann und Frau. Ein Vertrag besiegelt das Gelübde und legt die Rechte der beiden Ehepartner klar fest. Damit wird deutlich, dass der Islam die Ehe als eine stabile Verbindung betrachtet, in der die Sicherheit der beiden Partner eine große Rolle spielt. Wer eine Ehe eingeht, sollte dies ernsthaft durchdacht haben und sich seiner Pflichten gegenüber dem Ehepartner bewusst sein.

Liebe ist auf lange Sicht nicht genug, um eine Ehe zu führen. Oftmals verändern sich die Gefühle mit der Zeit. Was zunächst ein Verliebtsein war, das mit Aufregung einhergeht, wird zu einem tieferen Gefühl der Zuneigung und der Vertrautheit. Jedoch ist dieses Gefühl über die Jahre der Ehe hinweg nicht immer vorherrschend. Besonders in Streitsituationen ist es wichtig, auch barmherzig sein zu können und Mitgefühl zu zeigen. So sagt Allah, der Erhabene:

„… und Er hat Zuneigung und Barmherzigkeit zwischen euch gesetzt“ [Koran 30:21]

Man sollte nicht auf seiner Ansicht beharren, wenn dies nicht notwendig ist, sondern nachgiebig und uneigennützig handeln. Ein solches Verhalten schafft ein Gefühl der Geborgenheit zwischen den Partnern, es führt dazu, dass beide sich wohlfühlen. Die Geborgenheit ist eine Art, wie Allah das Zusammenleben von Ehepartnern beschrieb:

Er ist es, Der euch aus einem einzigen Wesen schuf, und Er hat aus ihm seine Gattin gemacht, damit er (der Mann) bei ihr Ruhe finde.“ [Koran 7:189]

Außerdem erklärt Allah, der Erhabene, das Verhältnis zwischen Mann und Frau mit einem Gleichnis:

Sie sind euch ein Kleid, und ihr seid ihnen ein Kleid.“ [Koran 2:187]

Dieser Vergleich betont die Nähe zueinander, wie sie ein Kleidungsstück zum Körper hat, sowie den Schutz, den man auch durch seine Kleidung erfährt. Es zeigt auf, wie eine islamische Ehe geführt werden sollte, damit sie erfolgreich und gottgefällig ist.

Wird die Ehe richtig geführt, so erfüllt man damit bereits die Hälfte des Glaubens. So wird vom Propheten, Friede sei mit ihm, überliefert, dass er sagte: „Wen Allah mit einer rechtschaffenen Frau versorgt, dem hat Er in der Hälfte seiner Religion geholfen. So soll er Allah mit der zweiten Hälfte fürchten“ [al-Mu'jam al-Awsaṭ]. Dies, weil eine gute Ehe einem Menschen dabei hilft, rechtschaffener und gottesfürchtiger zu werden, wie die folgenden Unterkapitel zeigen. Als Verheirateter hat man einerseits die Möglichkeit, mehr Gutes zu tun und von Allah dafür belohnt zu werden, andererseits hält die Ehe auch von sündhaftem Verhalten ab.

Das Befriedigen des Sexualtriebs

Die meisten Menschen denken bei dem Zweck der islamischen Ehe an die Befriedigung des Sexualtriebs. Tatsächlich ist dies ein wichtiger Bestandteil der Ehe, jedoch bei weitem nicht der Einzige. Traditionell wird über die Sexualität in der islamischen Welt wenig geredet, dabei ist sie ein natürliches, menschliches Bedürfnis. Betrachtet man die Verse des Korans und die Überlieferungen, die dieses Thema betreffen, so sieht man, dass sich der Islam diesem Thema keinesfalls verschließt. Vielmehr ermutigt die Religion die Menschen, ihre Sexualität im Rahmen der Ehe auszuleben. Einschränkungen hierbei gibt es nur wenige. Jedoch ist jede sexuelle Interaktion immer an soziale Verantwortung gebunden. Deswegen ist es einem Muslim nicht erlaubt, körperliche Beziehungen zu Menschen zu pflegen, die nicht der eigene Ehepartner sind. Die Ehe hilft also dabei, die Bedürfnisse auf erlaubte Art und Weise zu stillen und diesbezüglich sündhaftes Verhalten abzuwehren.

Die Gemeinschaft

In der heutigen, nichtmuslimischen Welt wird ein Fokus auf das Individuum, den Menschen als Einzelperson, gelegt. Was oft als Freiheit und Unabhängigkeit verkauft wird, führt zu einsamen Menschen ohne bedeutsame, persönliche Beziehungen. Anstatt den Einzelnen zu erfüllen und glücklich zu machen, schwächt es die Gesellschaft. Der Mensch braucht die soziale Unterstützung anderer Personen, die das Leben mit ihm teilen. Diese Unterstützung kommt im Islam in Form eines Ehepartners, der für Stabilität und Bedeutung im Leben sorgt. Die Ehe hilft dem Einzelnen, Teil einer Gemeinschaft zu werden und auch als ein solcher zu denken. Während im eigenen Elternhaus oftmals wenig Verantwortung auf die Kinder gefallen ist, trägt man in der Ehe nicht nur für sich selbst, sondern ein Stück weit auch für den Anderen Verantwortung. Dadurch entwickelt sich die Persönlichkeit des Einzelnen weiter, was durch Kinder in der Ehe noch verstärkt wird.

Fortbestand und Fortpflanzung

Ein Ziel der islamischen Familie ist es auch, den Fortbestand von Werten in der islamischen Gesellschaft zu sichern. Während dieser Punkt vor allem in der Kindererziehung gilt, können auch Ehepartner voneinander lernen und ihre Werte an den anderen weitergeben. Dies sollte idealerweise am Anfang der Ehe geschehen, damit die Ehepartner ihre Werte und Normen für die Kindererziehung festlegen.

Eigene Kinder zu bekommen, wurde vom Propheten, Friede sei mit ihm, als eine edle Tat hervorgehoben [Abu Dawud] und ist somit das Ziel einer islamischen Ehe. Es muss jedoch beachtet werden, dass Kinder ein anvertrautes Gut sind, das Allah einem Paar schenkt. Daher reicht es nicht, möglichst viele Kinder zu bekommen, sondern sie müssen auch gebührend erzogen werden. Dadurch sichert man den Fortbestand der islamischen Normen und Werte in der nächsten Generation. Außerdem werden Muslime für die Rechtschaffenheit ihrer Kinder belohnt, was eine Motivation ist, ihnen den Islam näherzubringen. So sagte der Prophet, Friede sei mit ihm: „Wer auch immer jemanden zum Guten leitet, wird die gleiche Belohnung erhalten, wie derjenige, der die Tat vollbringt“ [Muslim]. Und er sagte auch: „Wenn ein Mensch stirbt, enden alle seine Taten bis auf drei: Eine Spende, die andauert, nützliches Wissen, das er verbreitet hat und ein rechtschaffenes Kind, das für ihn betet“ [Muslim]. Durch Kinder, die gute Taten im Islam begehen, bekommt also auch derjenige gute Taten angerechnet, der sie dazu erzogen hat. Außerdem erhält er auch noch nach seinem Tod gute Taten für das Wissen, das er ihnen weitergab und das Bittgebet seiner Kinder nützt ihm.

Interreligiöse Ehen

Das Weitergeben islamischer Werte und das Erziehen von rechtschaffenen Kindern sind einer der wichtigsten Zwecke der islamischen Ehe. So stellt sich die Frage, wie dies mit interreligiösen Ehen zu vereinbaren ist. Zunächst einmal ist bei der Partnerwahl der Glaube des potentiellen Ehepartners der wichtigste Faktor. So sagte der Prophet, Friede sei mit ihm, dass eine Frau aus vier Gründen geheiratet wird: Wegen ihrem Besitz, ihrem Status, ihrer Schönheit und ihrer Religion. Dabei sollte jedoch dem Faktor der Religion die größte Beachtung geschenkt werden [Bukhari, Muslim]. Allgemein ist es nicht erlaubt, dass ein Muslim oder eine Muslima mit Nichtmuslimen eine Ehe eingeht. Der Grund dafür ist, dass eine Ehe dem Einzelnen zu mehr Gottesfurcht verhelfen soll, was in interreligiösen Ehen nicht gegeben ist. Die einzige Ausnahme dieser Regel stellt die Heirat zwischen einem muslimischen Mann und einer jüdischen oder christlichen Frau dar. So sagt Allah, der Erhabene, im Koran:

Heute sind euch die guten Dinge erlaubt […] Und die Ehrbaren von den gläubigen Frauen und die ehrbaren Frauen von denjenigen, denen vor euch die Schrift gegeben wurde […]“ [Koran 5:5]

Der Koran bezieht sich mit „denjenigen, denen vor euch die Schrift gegeben wurde“ auf die Juden und die Christen. Ihre Religionen sind frühere Versionen des Islams und ihre Schriften, die Thora und das Evangelium, sind von Gott offenbarte Bücher, die mit der Zeit von den Menschen verfälscht wurden. Daher ist einem muslimischen Mann eine Heirat mit einer Jüdin oder Christin unter speziellen Bedingungen erlaubt:

„[…] wenn ihr ihnen ihren Lohn gebt, als ehrbare Ehemänner […]“ [Koran 5:5].

Eine der Bedingungen, die aus dem ersten Teil des Koranverses entnommen werden kann, ist die Keuschheit der Frau. Außerdem muss auch ihnen die Morgengabe gegeben werden, auch wenn dies in ihrer Religion nicht praktiziert wird. Zudem muss beachtet werden, dass laut den meisten Gelehrten ein Kind aus einer interreligiösen Ehe immer Muslim ist, wenn dies auch auf einen Elternteil zutrifft [Majmu’ al-Fataawa, 10/437]. Dies sollte vor der Ehe mit einer Nichtmuslima besprochen werden, um zu vermeiden, dass sie später eventuelle Kinder nach ihrer eigenen Glaubensrichtung erziehen möchte.

Auch wenn diese Form der Ehe erlaubt ist, ist es vorzuziehen, eine muslimische Frau zu heiraten. Im Laufe der Zeit wird der Unterschied in der Lebensführung, besonders bei der Erziehung der gemeinsamen Kindern, oftmals zu groß. Viele Männer stellen sich zudem anfangs vor, ihre Ehefrau mit der Zeit vom Islam überzeugen zu können. Dies ist in der Praxis jedoch nicht immer einfach. Außerdem fehlt in einer interreligiösen Ehe das gegenseitige Erinnern an die Religion und die gemeinsame Ausübung von Pflichten. Aus diesem Grund ist es muslimischen Frauen auch nicht gestattet, Andersgläubige zu heiraten. Frauen lassen sich durch ihren Partner oft stärker beeinflussen als Männer. Ist der Ehemann einer Frau nun ein Nichtmuslim, so läuft sie eher Gefahr, Allah gegenüber ungehorsam zu werden oder ihre Religion aufzugeben. Auf der anderen Seite führt diese Eigenschaft der Frau dazu, dass nichtmuslimische Frauen durch einen praktizierenden Ehemann nicht selten zum Islam finden. Die Entscheidung, ob ein Muslim eine Christin oder Jüdin heiratet, sollte immer individuell getroffen werden. Der Charakter der Frau und ihr Wille, mehr über den Islam zu erfahren, sollten dabei in diese Entscheidung mit einbezogen werden.

Fazit

Im Islam stellt die Familie einen Schutzschirm dar, der das Individuum einerseits in seiner Religion unterstützt und ergänzt und es andererseits vor Sünden schützt. Daher sollte schon bei der Wahl des Ehepartners darauf geachtet werden, dass dieser stark in der Religion ist. Doch auch andere Gemeinsamkeiten, wie ähnliche Zukunfts- und Wertevorstellungen, sollten gegeben sein. Eine Ehe im Islam bringt für beide Partner einen Mehrwert, sowohl durch die Gemeinschaft und das Eheleben als auch durch gemeinsame Kinder. Dies setzt voraus, dass beide sich ihrer Pflichten bewusst sind, jedoch nicht ständig auf ihre Rechte beharren. Welche Pflichten und Rechte es im Ehealltag gibt, kann ein Muslim vor der Ehe in einem Seminar erlernen. Eines dieser Art wird etwa von Islamic Tutors auf der Webseite unter der Rubrik „Eheführerschein“ angeboten.

 

 

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