Die rituelle Reinheit (Tahara)

rituelle reinheit 14.09.2022
wudu

Bevor die folgenden Artikel ausführlich darlegen, wie das rituelle Gebet verrichtet wird, behandelt dieser die ausführlichste der Gebetsvorbereitungen: Die Gebetswaschung. Eine Voraussetzung für die Gültigkeit des Gebets ist das Vorhandensein der rituellen Reinheit, arabisch Tahara. Um diese zu erlangen, vollzieht der Muslim vor dem Gebet die Gebetswaschung. Es existieren drei unterschiedliche Arten der Gebetswaschung: Die allgemeine Waschung oder Wudu, die Ganzkörperwaschung Ghusl und die Ersatzwaschung, der Tayammum. Je nach Situation kann eine der Waschungen notwendig oder erlaubt werden, um sich vor dem Gebet zu reinigen. Der Artikel erklärt die Durchführung der einzelnen Arten und spricht auch an, wann diese jeweils vollzogen werden.

Die Aufhebung der rituellen Reinheit

Neben dem offensichtlichen Säubern des Körpers ist die Gebetswaschung auch ein symbolischer Akt. Wie beim Gebet selbst ist auch für die Waschung entscheidend, welche Absicht man davor hat. Es reicht also nicht, einfach nur zu duschen oder zu baden. Davor muss man die Absicht fassen, die rituelle Reinheit zu erlangen.

Theoretisch kann die Gebetswaschung einmal täglich verrichtet werden und für alle fünf Gebete gültig bleiben. Einige Faktoren machen jedoch eine erneute Gebetswaschung erforderlich. Bei diesen Verunreinigungen unterscheidet man zwischen zwei Arten, den kleinen und den großen Verunreinigungen.

Zu den kleinen Verunreinigungen zählen sowohl der Gang zur Toilette als auch das Entweichen von Blähungen außerhalb des Toilettengangs. Ein tiefer Schlaf, sei dies in der Nacht oder auch am Tag, und anderweitige Bewusstlosigkeit machen die Gebetswaschung ebenfalls ungültig. Ebenso verhält es sich mit dem lustvollen Berühren des Geschlechtsteils. Nach allen diesen Dingen muss Wudu, die allgemeine Gebetswaschung, vollzogen werden.

Die großen Verunreinigungen hängen mit dem Geschlechtsteil zusammen. Zu ihnen gehört etwa das Austreten von Samenflüssigkeit, entweder bei vollem Bewusstsein oder auch im Schlaf während eines sogenannten feuchten Traumes. Nach dieser Art der Verunreinigung wird die Ganzkörperwaschung, der Ghusl, erforderlich. Nach dem Geschlechtsverkehr ist dies generell immer der Fall, auch, wenn sich die beiden Geschlechtsteile nur kurz berührt haben. Frauen vollziehen den Ghusl außerdem nach Ende ihrer Menstruationsphase oder auch nach den Blutungen im Wochenbett. Es ist zu empfehlen, dass neue Muslime nach ihrem Übertritt einmal Ghusl vollziehen. Dies, weil nun ein neuer Lebensabschnitt beginnt und man symbolisch diese Welt als neuer Mensch ohne Sünden betritt. Auch Menschen, die mit ihrer Religion neu beginnen wollen, können den Ghusl wie nach einer großen Verunreinigung vollziehen.

Die allgemeine Waschung- Wudu

Ist eine kleine Verunreinigung vorhanden, so muss vor dem Gebet Wudu vollzogen werden. Dies ist die allgemeine Gebetswaschung, die die notwendige rituelle Reinheit wiederherstellt. Die Waschung muss mit sauberem Wasser durchgeführt werden. Wie auch beim Gebet gibt es auch bei der Gebetswaschung minimale Unterschiede im Ablauf, die auf Meinungsunterschiede zurückzuführen sind. Die folgende Erklärung bezieht sich auf die allgemein anerkannte und sicherste Variante. Man verrichtet Wudu folgendermaßen:

(1) Zunächst einmal muss mit der Absicht begonnen werden, die Waschung durchzuführen, um sich für das Gebet zu reinigen. Der erste Schritt ist also das Fassen der Absicht im Herzen.

(2) Als nächstes beginnt die Waschung, in dem man „Bismillah“ (Mit dem Namen Allahs) sagt. Dies kann man allgemein vor dem Ausführen einer jeden guten Tat sagen, da jede gute Tat für Allah, den Erhabenen, durchgeführt werden sollte. Aus Respekt vor dem Schöpfer wird dies jedoch nicht ausgesprochen, wenn man sich in einem Badezimmer wäscht, in dem sich gleichzeitig auch eine Toilette und damit verbunden auch Fäkalien befinden. In diesem Fall genügt es, innerlich „Bismillah“ zu sagen.

(3) Anschließend wäscht man seine Hände dreimal gründlich bis zum Handgelenk.

(4) Sind die Hände gewaschen, nimmt man mit der rechten Hand etwas Wasser in den Mund und spült ihn so aus. Danach spuckt man das Wasser wieder aus. Auch dies wiederholt man dreimal.

(5) Dann nimmt man wieder etwas Wasser in die rechte Hand und führt diese zur Nase. Das Wasser wird dann leicht durch die Nasenlöcher in die Nase eingezogen. Dann schnäuzt man die Nase mit der linken Hand aus. Wie die vorherigen Schritte wird auch dieser dreimal gemacht. Ist man an diese Praxis nicht gewohnt, kann es passieren, dass am Anfang zu viel Wasser verwendet oder das Wasser zu tief eingezogen wird. Man merkt aber in der Regel schnell, wie das Einziehen am besten funktioniert.

(6) Nun wäscht man sich dreimal das Gesicht mit beiden Händen. Dabei sollte das ganze Gesicht mit Wasser benetzt werden, von der Stirn zum Kinn und von Ohr zu Ohr. Es ist erwünscht, dass Männer sich zusätzlich mit den feuchten Fingern durch den Bart fahren.

(7) Danach wäscht man den rechten Unterarm dreimal. Dabei muss von den Fingerspitzen bis zum (einschließlich) Ellbogen gewaschen werden. Anschließend verfährt man ebenso mit dem linken Unterarm.

(8) Ist man damit fertig, so befeuchtet man seine Hände noch einmal und streicht sich damit über den Kopf, vom Vorderteil des Kopfes bis zum Nackenansatz. Dieser Schritt wird nur einmal durchgeführt.

(9) Mit den nassen Fingern streicht man sich jetzt über beide Ohren. Normalerweise reicht das Wasser von zuvor noch für diesen Schritt, so dass die Hände nicht ein weiteres Mal befeuchtet werden müssen. Man wischt dabei mit dem Zeigefinger über den inneren Teil des Ohrs und mit dem Daumen gleichzeitig hinter dem Ohr. Auch dieser Schritt wird nur einmal durchgeführt.

(10) Nun werden die Füße gewaschen. Man beginnt mit dem rechten Fuß und wäscht diesen dreimal bis zu den Knöcheln. Anschließend wäscht man auch den linken Fuß auf die gleiche Art und Weise.

Bei der Waschung ist es wichtig, die Reihenfolge der Schritte genau einzuhalten, damit sie gültig ist. Das dreimalige Waschen einiger Körperteile ist eine Sunna und somit freiwillig, aber besser. Sollte eine Person alle ihre Körperteile nur ein einziges Mal waschen, so wäre die Waschung dennoch gültig. Dies gilt aber nicht für den Fall, dass die Reihenfolge der Schritte vertauscht wird. Es ist jedoch besser, sich an die Sunna zu halten und die angegebenen Körperteile dreimal zu waschen. Zu der Sunna zählt auch, dass immer mit der rechten Seite des Körpers begonnen wird, also mit der rechten Hand, dem rechten Arm etc. Dies ist jedoch nicht verpflichtend, die Gültigkeit des Wudu hängt davon nicht ab.

Ein weiterer Punkt ist, dass es besser ist, sich wassersparend zu verhalten, da die Maßlosigkeit im Islam nicht erlaubt und Wasser eine wertvolle Ressource ist. Daher sollte der Hahn nicht komplett aufgedreht werden. Sobald man kein frisches Wasser mehr benötigt, kann man ihn wieder schließen.

Wurden alle die Schritte mit der richtigen Absicht in der richtigen Reihenfolge durchgeführt, so ist der Muslim im Zustand der rituellen Reinheit. Darin bleibt er, bis eine Verunreinigung die erneute Waschung erforderlich macht.

Die Ganzkörperwaschung- Ghusl

Nach den zuvor genannten, großen Verunreinigungen muss die rituelle Reinheit mit der Ganzkörperwaschung wieder hergestellt werden. Dabei wäscht man den gesamten Körper, einschließlich der Stellen wie Bauchnabel, Intimbereich, Mund und Nase. Dies reicht aus, um die Pflicht zu erfüllen. Die einfachste Art, dies zu tun, ist es, zu duschen. Es gibt auch ausführlichere Arten des Ghusl, bei denen zunächst Wudu durchgeführt wird, jedoch ohne die Füße zu waschen. Anschließend wird der gesamte Körper gewaschen und am Ende auch die Füße. Die leichteste Art ist jedoch diese:

(1) Man fässt die Absicht, sich für Allah zu reinigen, also die Ganzkörperwaschung für die rituelle Reinheit zu vollziehen.

(2) Anschließend wäscht man jede Unreinheit vom Körper ab.

(3) Danach wäscht man den gesamten Körper mit Wasser, wobei keine einzige Stelle ausgelassen wird. Dies ist in der Dusche am einfachsten. Es ist auch möglich, in einem vollen Bad komplett unter Wasser zu tauchen, jedoch ist das nicht sehr wassersparend.

(4) Am Ende spült man den Mund und die Nase aus.

Auf diese Art und Weise wird der gesamte Körper einmal komplett gereinigt. Der Muslim ist danach im Zustand der rituellen Reinheit, ohne noch zusätzlich Wudu zu benötigen.

Die Ersatzwaschung- Tayammum

Beim Tayammum handelt es sich um eine Ersatzwaschung, die nur erlaubt ist, wenn die Durchführung des Wudu oder Ghusl mit Wasser unmöglich ist. Ein Grund dafür wäre, dass Wasser nicht vorhanden, zu weit entfernt oder dringend zum Trinken gebraucht wird. Außerdem ist es bei Krankheit oder Verletzung manchmal unmöglich, eine Waschung mit Wasser zu vollziehen, ohne der Gesundheit zu schaden. Dies gilt auch für extrem kaltes Wasser im Winter, bei dem keine Möglichkeit vorhanden ist, es zu erwärmen. In Europa wird die Ersatzwaschung meist nur von Patienten im Krankenhaus vollzogen. Etwa, wenn ein Patient sich nicht vom Bett bewegen kann. Es ist besser, jemanden zu fragen, ob er mit der richtigen Gebetswaschung helfen kann. Ist das jedoch nicht möglich, so ist Tayammum erlaubt. Dieser läuft ab wie folgt:

(1) Wie bei den Waschungen mit Wasser muss man auch hier zunächst die richtige Absicht fassen.

(2) Anschließend sagt man „Bismillah“- Mit dem Namen Allahs.

(3) Daraufhin klopft man mit den Handflächen auf trockene und reine Erde. Diese muss frei von unreinen Substanzen, wie Kot, Urin, Alkohol oder Hundespeichel sein. Im Krankenhaus oder ähnlichen Orten hat man meist keinen Zugang zu reiner Erde. In diesem Fall ist es auch möglich, auf anderes Material wie Stein oder die Wand des Zimmers zu klopfen. Eine gute Lösung stellt auch das Mitführen eines kleinen Steins dar. Dieser kann im Notfall für das Verrichten des Tayammum verwendet werden.

(4) Daraufhin streicht man sich mit den Händen durch das Gesicht. Bevor man dies tut, sollten die Hände kurz abgeklopft oder angepustet werden, damit überschüssiger Staub nicht in die Augen gelangt.

(5) Als letztes streicht man mit der linken über die rechte Hand und dann auch mit der rechten über die linke Hand.

Mit diesen Schritten erlangt man die rituelle Reinheit bis zu einer erneuten Verunreinigung oder bis die Erlaubnis zum Tayammum aufgehoben ist. Dies ist etwa der Fall, wenn wieder Wasser vorhanden ist oder man körperlich wieder dazu in der Lage ist, eine normale Waschung zu vollziehen. In diesem Fall muss man die reguläre Waschung durchführen, auch wenn nach dem Tayammum keine Verunreinigung aufgetreten ist.

Fazit

Es obliegt jedem Muslim, über die verschiedenen Waschungen Bescheid zu wissen. Das Erlangen der rituellen Reinheit ist essentiell für die Gültigkeit des Gebets. Anfangs können die verschiedenen Schritte der Waschungen in ihrer richtigen Reihenfolge auf einen Notizzettel geschrieben werden, bis man diese auswendig weiß. Allgemein sollte ein jeder Muslim regelmäßig überprüfen, ob sich Fehler beim Verrichten der Waschung eingeschlichen haben, denn mit der Zeit kann es sein, dass man sich einige Schritte vereinfacht oder sie nicht mehr richtig durchführt.

       

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